
24.04.2009
Europameisterschaft Professionals Standard
ein Bericht von Heiko Kleibrink
Deutscher Meister Professional Standard
Deutscher Meister Professional Kür Standard
Finalist WM Professional Standard
Karabeys erstmals auf dem Bronzerang
Am 25. April wurde die Europameisterschaft der Professionals in den Standardtänzen
in Russland ausgetragen.
Ich erinnere mich noch genau an die EM 2001 in Russland: Unfreundlicher Empfang an der Passkontrolle mit nervenaufreibenden Wartezeiten, graue und dreckige teils zerfallene Häuserfassaden, und stark beschädigte Fahrbahnbeläge. Es beschlich mich damals ein ähnlich beklemmendes Gefühl wie bei der Durchfahrt von DDR-Gebiet, wenn man nach Berlin wollte.
Heutzutage, acht Jahre später, hat sich enorm viel verändert. Die junge Dame an der Passkontrolle lächelt mir freundlich zu, überall erstrahlen historische Gebäude in neuem alten Glanz, und die Strassenbeläge haben Sachsen-Niveau nur stärker frequentiert.
Sprachlos wurde ich allerdings beim Verlassen des Duty Free Shops am Flughafen, als die Verkäufern mich mit einem „Auf Wiedersehen“ verabschiedete. Völlig perplex stammelte ich nur ein „Da“.
Im Herzen von Russland,
dem Kreml, fand eingebettet in einem fantastischen Rahmenprogramm die Europameisterschaft Standard und die russische Lateinmeisterschaft statt.
Nach 2001 organisierte Stanislav Popov bereits zum zweiten Mail dieses Top-Event in Moskau.
Seinem ihm voraus eilenden Ruf als erstklassiger Veranstalter und zugleich Turnierleiter
machte er alle Ehren. Höhepunkt war seine Live-Performence von „Strangers in the night“. Ihm gelang etwas was uns in Deutschland trotz vieler Bemühungen noch nicht so gelingt: Das Gewinnen von finanzkräftigen Sponsoren und die Aufmerksamkeit von vielen hochrangigen Personen aus Politik und Wirtschaft. Tanzen ist in Russland mehr als Sport, Tanzen ist Kunst und genießt höchstes Ansehen.
Um den EM-Titel tanzten insgesamt 30 Paare aus 21 Nationen.
Unsere Vertreter für Deutschland waren die amtierenden Vize-Europameister und Deutschen Meister Kür Simon Reuter und Julia Niemann, sowie unsere WM und EM-Finalisten Sascha und Natascha Karabey.
Beide Paare erwischten einen hervorragenden Tag und präsentierten sich selbstbewußt und souverän von der Vorrunde an.
Leider verpassten unsere Youngsters Simon und Julia das starke Semifinale nur um 2 Kreuze und belegten damit den Anschlussplatz. Ihr feiner eleganter Tanzstil hebt sich besonders in der heutigen Zeit sehr angenehm von den meisten Paaren ab die krampfhaft versuchen mit immer noch mehr Krafteinsatz noch einen Meter weiter zu kommen.
Im direkten Vergleich mit ihrer Kürleistung stecken in den 5 Tänzen aber noch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten.
Unsere Deutschen Meister Sascha und Natascha tanzten voll auf Angriff. Galt es doch den direkten Konkurrenten aus Slowenien zu distanzieren. Die Slowenen erwischten aber auch einen sehr guten Tag und präsentierten sich in absoluter Topform.
Beim Vorstellungstanz der Finalpaare wählten Sascha und Natascha als Intro ein paar Takte Basic in denen der bis dahin wunderschöne Schwung plötzlich erstarrte. Die Slowenen tanzten hingegen völlig befreit ihre Routine. Damit war die Entscheidung zumindest für die meisten Wertungsrichter für den Walzer gefallen. Der Tango ging ebenfalls an die Slowenen. Dann kam der Paradetanz unserer Meister. Mit dem besten technischen Bewegungsablauf in diesem Finale hätten sie eigentlich mehr Einsen im WW erhalten müssen. Wichtig war aber erstmal die Verkürzung des Abstandes auf den Slowenen. Mit ihrem weich fließenden Foxtrott konnten sie den Rückstand egalisieren. Der letzte Tanz musste die Entscheidung bringen. Mit einem fulminanten Quickstep verwiesen sie ihren Konkurrenten auf den 4. Platz.
Neuer Europameister wurden die Engländer Jonathan Wilkins/Hazel Newberry vor den Italienern Domenico Soale/Gioia Cerasoli.
Finale:
1. Jonathan Wilkins / Hazel Newberry (Großbritannien)
2. Domenico Soale / Gioia Cerasoli (Italien)
3. Sascha und Natascha Karabey (Deutschland)
4. Domen Krapez / Monica Nigro (Slowenien)
5. Evgenij Kazmirchuk / Julia Spesivtseva (Russland)
6. Sergey Mikheev / Natalya Chizhova (Russland)
13. Simon Reuter / Julia Niemann
Ein Kommentar
Es ist Ende April und Blackpool steht vor der Tür. Das Turnier mit der längsten Tradition.
Besonders für die Toppaare aus Italien England und Deutschland bedeutet das meist
eine dreifache Belastung: Turnier einstimmen, Team-Match Choreografie einstudieren, und Lecture vorbereiten.
Mich persönlich wundert es daher nicht, dass in der heutigen Zeit des allgemeinen Wertverfalls (der auch vor dem Tanzsport keinen Halt macht) einige Spitzenpaare bei dieser EM durch Abwesenheit glänzten.
Seit einigen Jahren kann man beobachten, dass die professionelle und damit einher gehend auch die vorbildliche Einstellungen der „Repräsentativen“ Paare immer mehr verloren geht.
Passend hierzu die Antwort des Titelverteidigers, zu einem WR warum er seinen Titel nicht verteidigen will: „Wir haben an diesem Tag eine Show“
KEIN KOMMENTAR!
Das daraufhin nachnominierte Paar stand zwar auf der Startliste erschien aber ebenfalls nicht.
HALLELUJA!
Das erinnert mich sehr stark an den Satz: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin!“
Ersetzen wir Krieg für Turnier dann beschreiben wir damit eine Situation, die zur Zeit in Deutschland bei zahlreichen Amateur-Turnieren vorherrscht, Turniere werden abgesagt.
Für sein Land tanzen zu dürfen ist für einen Tänzer eine der größten Ehren.
Wir waren unheimlich stolz Deutschland auf Welt- und Europameisterschaften vertreten zu dürfen.
Alle anderen Turniere tanzt man sowieso ausschließlich für sich und seinen eigenen Erfolg.
Heute scheint die Tanzwelt aus den Fugen geraten zu sein und Kopf zu stehen.
Tanzwillige und ehrgeizige Tänzer werden von Verbänden gesperrt, wenn sie auf diversen Turnieren starten.
Was wäre wenn man einmal andersherum die Paare für die nächsten Meisterschaften sperrt bei denen sie als Repräsentanten nicht gestartet sind?
Die Außenwirkung wäre umso größer, je höher dieses Paar im Ranking steht.
Das würde natürlich niemand befürworten, schließlich will man ja repräsentieren, wenn es der Terminkalender zulässt und das Ausrichterland, sowie die Wertungsrichter angenehm sind.
Doch man sollte bedenken, dass so mancher Welt-und Europameister oder Finalist erst durch die Strahlkraft seiner Titel auch in Blackpool erfolgreich werden konnte. Die Paare sollten also alles tun um diese wertvollen Titel nicht selbst zu entwerten.
In diesem Sinne, viel Erfolg in Blackpool!
zurück zu den Turnierberichten 2009

Heiko Kleibrink